Kulturkampf ums Geschlecht – Die Transgender-Ideologie ist totalitär und frauenfeindlich

EIN GASTBEITRAG VON UWE STEINHOFF am 30. Mai 2021

Das Gerede vom „dritten Geschlecht“ oder der Wechsel des Geschlechts auf Grundlage einer entsprechenden Behauptung gehen an der Realität vorbei. Wir erleben intellektuelle Verwirrungen und den Vormarsch einer antiliberalen Ideologie.

Autoreninfo

Uwe Steinhoff ist Professor am Department of Politics and Public Administration der Universität Hongkong sowie Senior Research Associate im Oxford University Programme on the Changing Character of War. Zuletzt erschien von ihm das Buch „The Ethics of War and the Force of Law – A Modern Just War Theory“.

Dieser Tage verkünden mehr oder weniger qualifizierte Wissenschafts­journalisten selbst in angesehenen Tageszeitungen und Fernsehsendern gerne, dass es mehr als zwei Geschlechter oder gar ein „Kontinuum“ von Geschlechtern gäbe. So geschehen zum Beispiel im Tagespiegel und in einer Episode der populären Wissenschafts­sendung „Quarks“, die sich auf der Webseite der ARD noch immer als Video abrufen lässt. Sogar die Bundesärztekammer hat sich zu derartigen Verlautbarungen hinreißen lassen, etwa in ihrer Stellungnahme zu einem Referentenentwurf zu einem Gesetz zum Schutze von Kindern vor „geschlechts­verändernden“ operativen Eingriffen.

Indes ist es ein Gebot der Wissenschaft, hinreichend klar definierte Begriffe zu benutzen, um sicherzustellen, dass man nicht aneinander vorbeiredet. Denn diese Beiträge klären zunächst einmal keineswegs, was ein Geschlecht eigentlich ist. Sondern zählen derer lieber gleich mehr als zwei.

Einschlägige Lehrbücher und Fachaufsätze der Genetik und Entwicklungsbiologie sind auskunftsfreudiger und fundierter: Sie beziehen den Begriff des Geschlechts wenig überraschend auf den Fortpflanzungs­apparat und treffen die Unterscheidung zwischen „männlich“ und „weiblich“ als Entsprechung zum Unterschied zwischen zwei Arten von Keimzellen. Die Körper der Mitglieder des männlichen Geschlechts sind auf die Produktion kleiner Keimzellen (Sperma) ausgerichtet, die Körper der Mitglieder des weiblichen Geschlechts auf die Produktion großer Keimzellen (Eizellen).

Es gibt kein „Spektrum“ von Geschlechtern

Da es keine mittleren Keimzellen gibt, weder unter Menschen noch im Tierreich (sogenannte Paarungstypen bei isogametischen, das heißt gleichkeim­zelligen Arten sind irrelevant, da sie keine Geschlechter darstellen), gibt es auch kein drittes Geschlecht, geschweige denn ein modisches „Spektrum“ von Geschlechtern. Zwei­geschlechtliche Wesen, sogenannte echte Zwitter (deren Vorkommen unter Menschen zweifelhaft ist), sind kein drittes Geschlecht, sondern haben die beiden allein existierenden Geschlechter gleichzeitig. Und Organismen, die wie der Clownfisch ihr Geschlecht ändern können, haben dafür kein buntes Spektrum von Optionen zur Auswahl, sondern genau zwei. Die Rede von der „Ausrichtung“ trägt dem Umstand Rechnung, dass aus verschiedenen Gründen (Präpubertät, Menopause, Entwicklungs- oder Funktions­störungen) nicht jedes Individuum eines Geschlechts auch tatsächlich die entsprechenden Keimzellen produzieren wird – die bloße Ausrichtung auf deren Produktion genügt.

Der am MIT unterrichtende amerikanische Philosoph Alex Byrne schlägt daher auch eine Formulierung vor, der zufolge weibliche Wesen solche sind, deren Körper Entwicklungsschritte zur Produktion großer Keimzellen vorgenommen haben (bei männlichen Wesen kleiner). Gehirnstrukturen, Verhaltensweisen, sexuelle Orientierung, Aussehen, Hormone und selbst Chromosomensätze (die Gleichung „Wesen mit XX-Chromosomen = weibliches Wesen“ ist falsch) liegen hingegen der biologischen Unterscheidung von weiblichen und männlichen Organismen ausdrücklich nicht zugrunde.

Varianzen sprechen nicht gegen Binarität

Daher sprechen die eingebildeten oder tatsächlichen Varianzen oder Spektrum­haftigkeiten jener nicht gegen den binären Charakter dieser. Verschiedene Chromosomensätze und hormonale Einflüsse etwa sind lediglich ein Mechanismus, welcher in Organismen die Entwicklung in Richtung der Produktion von kleinen oder großen Keimzellen verursacht – aber es ist diese gerichtete Entwicklung selbst, welche das Geschlecht definiert, nicht der sie verursachende Mechanismus (der zwischen verschiedenen Arten erheblich differieren kann und innerartlich nicht in jedem individuellen Fall denselben Effekt zeitigt).

Dies bedeutet auch, dass Individuen mit biologischen Störungen der sexuellen Entwicklung (sogenannte Intersexualität) in keiner Weise den geschlechtlichen Dualismus in Frage stellen. Sie lassen sich meist eindeutig dem einen oder dem anderen Geschlecht zuordnen und immer eindeutig keinem dritten, da es keinen dritten Keimzellentyp gibt.

Der Duden definiert dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend Frauen als erwachsene weibliche Personen. „Weiblich“ meint das Geschlecht. Folglich sind Frauen erwachsene Personen, deren Körper Entwicklungsschritte zur Produktion großer Keimzellen aufweisen. Bei Männern sind es kleine Keimzellen. Eine solche Definition definiert Männer und Frauen in der Tat durch ihre biologische Ausstattung, aber es reduziert sie nicht auf sie. Nichts an der Definition schließt aus, dass konkrete Männer und Frauen auch Häuser, Elektrotechnik und Genderideologie produzieren.

Was eine solche Definition freilich ausschließt, ist die Wahrheit des von Transgender-Ideologen mantrahaft wiederholten und sie kennzeichnenden Credos „Transfrauen sind Frauen“. (Der Begriff „Transfrau“ ist deshalb anders als „Geschäftsfrau“ irreführend.) Mit anderen Worten: Sie schließt aus, dass erwachsene männliche Personen, die sich „wie Frauen fühlen“, „als Frauen identifizieren“, glauben, „im falschen Körper geboren“ zu sein oder einfach gern Frauen wären, auch tatsächlich Frauen sind. Sie sind keine. Sie sind Männer.

Transgender-Ideologen betrachten eine solche Aussage als „transphobisch“. Eine Phobie ist eine psychische Störung. Tatsächlich aber wird in der gegenwärtig gültigen deutschen Fassung der ICD (International Classification of Diseases) zwar Transsexualismus, das heißt, „der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden“, unter psychischen und Verhaltensstörungen aufgeführt, nicht aber die Anerkennung der biologischen Realität. Es ist vielmehr deren Verleugnung in der Transgender-Ideologie, welche auffällige Züge trägt.

Die Doktrin duldet keinen Widerspruch

Jedoch sind längst nicht alle (vermutlich nicht einmal die meisten) Transsexuellen auch Transgender-Ideologen. Viele von ihnen, selbst einige jener, die sich in der Tat als „Transfrauen“ bezeichnen, vermerken ausdrücklich – stellvertretend etwa Debbie Hayton in The Times –, dass sie keine Frauen sind, und lehnen Forderungen wie jene ab, dass „Transfrauen“ (postoperativ oder nicht) Zugang zu Frauensport, Frauengefängnissen, Frauenhäusern oder speziell für Frauen geschaffene Preise und Stipendien haben sollten. Für diese Zurückweisung der Anmaßungen von Transgender-Ideologen werden sie von letzteren im Internet mit wüsten Hasstiraden überzogen und propagandistisch ebenfalls als „transphobisch“ bezeichnet – obwohl sich der geforderte Ausschluss von den besagten Einrichtungen nicht gegen „Transfrauen“ im Besonderen, sondern gegen Männer im Allgemeinen richtet. Der Parteidoktrin darf nicht widersprochen werden, offenbar nicht einmal von jenen, deren Interessen sie angeblich vertritt.

Und wie jede auf Indoktrination ausgerichtete Ideologie greift auch diese zur sprachlichen Manipulation, wenn die Wirklichkeit sich nicht fügt. So etwa gesteht der sich als „Transfrau“ bezeichnende Transgender-Ideologe Rachel Ann Williams zwar ein, dass es „lächerlich“ wäre, wollte er sich als jemand mit großen Keimzellen identifizieren. Da er sich jedoch als „Frau“ sieht, hält er dies in einem von ihm veröffentlichten imaginären Gespräch mit einer fiktiven genderkritischen Feministin für Grund genug, die biologische Definition von „Frau“ aufzugeben und stattdessen eine „inklusive“ zu bevorzugen.

Wie auch andere Transgender-Ideologen betrachtet er also den Umstand, dass er sich „als Frau fühle“ oder „identifiziere“, als hinreichend dafür, eine zu sein. Die reale genderkritische feministische Philosophin Jane Clare Jones entgegnet darauf, dass Williams Empfinden einer Nichtübereinstimmung seines biologischen Geschlechts mit seinem Selbstbild nur Symptom seiner Genderdysphorie sei (einer im DSM-5 gelisteten psychischen Störung); dass er zweitens keine Ahnung habe, wie es sich anfühle, eine Frau zu sein, da er keine ist; dass, drittens, Frauen sich nicht als Frauen fühlen müssen, um es zu sein; dass, viertens, der Versuch, ein Symptom seiner eigenen männliche Dysphorie zum Definitionsmerkmal von Fraulichkeit zu erheben, abwegig sei; und dass, fünftens, sein Ansinnen, Frauen müssten ihre Selbstdefinition den Bedürfnissen von Männern wie ihm unterordnen, nur seinen maskulinen Narzissmus offenbare. Diese Selbstbezogenheit wird durch den Umstand, dass Williams wie auch andere Transgender-Ideologen lieber mit eingebildeten genderkritischen Feministinnen als mit realen diskutieren, übrigens nur bestätigt.

Mobbing, Rufmord, Cancel Culture

Für letztere halten Transgender-Ideologen lieber Cancel Culture, Mobbing, Rufmord und Internet-Trolling bereit – während sie sich selbst als unterdrückt und entrechtet präsentieren. Kurz gesagt: Jane Clare Jones wirft Rachel Ann Williams vor, „seine Erfahrung von Genderidentität [Frauen] aufzuoktroyieren, um sich mit [Frauen] eins fühlen zu können“. Offensichtlich macht diese Form der Transgender-Ideologie buchstäblich den eigenen Wahn zur definitorischen Methode.

Sofern möglich, wird das Ausmaß der Selbstbezogenheit noch deutlicher an einem anderen Transgender-Ideologen, nämlich an dem an der California State University Los Angeles unterrichtenden und sich ebenfalls als „Transfrau“ bezeichnenden Philosophen Talia Mae Bettcher. Er gesteht durchaus ein, dass die meisten Menschen eine „Frau“ als „erwachsenes weibliches menschliches Wesen“ definieren würden, ja sagt sogar, dass dies die „perfekte Definition“ zu sein scheine. Wichtiger aber als die semantische Perfektion dieser „dominanten“ Definition von „Frau“ seien wiederum die Bedürfnisse von Männern wie ihm. Er fordert daher, eine „resistente“ Definition zu verwenden, welche „Transfrauen“ einschließt.

Bettcher geht dabei weiter als Williams und erträgt nicht einmal Definitionen, die Frauen im normalsprachlichen Sinne als „paradigmatische“ Frauen zählen, während „Transfrauen“ sozusagen Sonderfälle wären. „Transfrauen“ müssen mindestens ebenso paradigmatisch sein. Dies scheint weniger „resistent“ denn selbstverliebt. Schließlich versteigt er sich sogar zur Behauptung, dass nicht nur jede Frau, die sich als Frau im „dominanten Sinne“ definiert, damit eine „transphobische Weltsicht“ stützt (so weit kommt es offenbar, wenn Frauen unverfrorenerweise ihre Bezeichnung selber wählen). Sondern dass dies für überhaupt jedweden Rückgriff auf einen sie bezeichnenden Begriff gilt, welcher „Transfrauen“ ausschließt.

Semantisch aufdringliche Männer

Anders gesagt: Dem selbsternannten „Feministen“ Bettcher zufolge haben Frauen es sowohl hinzunehmen, wenn semantisch aufdringliche Männer sich ihre Gruppenbezeichnung aneignen, als auch wenn man sie als eigenständige Gruppe begrifflich gleich ganz auszulöschen sucht. Hier von pathologischem Narzissmus zu sprechen ist unzureichend. Die Weltsicht der Transgender-Ideologie ist vielmehr frauenverachtend. (Dazu passt, dass „Transmänner“ in dieser Debatte eher unauffällig sind; genderkritische Feministinnen merken süffisant an, dies liege vielleicht daran, dass diese eben Frauen sind, keine Männer.)

Natürlich aber ist das in der Transgender-Ideologie verfolgte Projekt der sogenannten „ameliorativen“ (verbessernden) Umdefinition des Begriffs „Frau“ trotz des ideologischen Eifers erfolglos. Der schon erwähnte Alex Byrne sowie auch der an der kalifornischen Pepperdine Universität lehrende Tomas Bogardus haben in vier philosophischen Fachaufsätzen detailliert argumentiert, dass die bisher vorgeschlagenen angeblich „besseren“ Definitionen zumindest eine der vier folgenden Eigenschaften haben: Sie sind zirkulär (zu sagen, dass eine Frau ist, wer sich als Frau identifiziert, ist ebenso uniformativ wie zu sagen, dass ein Blarg ist, wer sich als Blarg identifiziert). Sie sind außerdem inkohärent und schließen (entgegen dem Ziel der Transgender-Ideologie) nicht alle „Transfrauen“ ein. Oder tun dies bestenfalls auf eine Weise, die impliziert, dass diese „Transfrauen“ nur über einen Irrtum zum „Frausein“ gelangen (und somit anders als Frauen, die dies ganz ohne Irrtum und jedwede Anstrengung schaffen, sicher nicht „paradigmatisch“ sein können).

Natürlich sind diese Analysen auf Widerstand gestoßen, aber die Gegenangriffe legen mehr Wert auf Infragestellung der Motive der angegriffenen Autoren (einer der Chefredakteure der Fachzeitschrift Philosophical Studies ist aus Protest gegen diese Strategie und den Ton einer der Kritiken zurückgetreten) denn auf schlüssige Widerlegung ihrer Argumente. Wenn sich hier also etwas als „resistent“ erweist, dann offenbar die Realität – nämlich gegen ihre ideologische Verdrehung.

Aggressiver sozialer Druck

Die Transgender-Ideologie ist allerdings nicht nur darauf aus, die Realität zu verdrehen, sondern will andere auch dazu zwingen – mit extrem aggressivem sozialen Druck bis hin zu zivil- und strafrechtlichen Sanktionen –, dieser Verdrehung nicht nur nicht zu widersprechen, sondern sich aktiv an ihr zu beteiligen. Darin offenbart sich ihr totalitärer Charakter. Denn natürlich reicht es Transgender-Ideologen wie Bettcher nicht, dass er auf sich das Wort „Frau“ (oder „woman“) anwendet. Das steht ihm frei. Nein, transgender-ideologische „Transfrauen“ verlangen, dass auch andere sie als Frauen bezeichnen und die entsprechenden Pronomen benutzen.

FDP und Grüne haben sich in von „Selbstbestimmung der geschlechtlichen Identität“ sprechenden Gesetzentwürfen bereits zu Erfüllungsgehilfen solch staatlich unterstützter Fremdbestimmung und Einschränkung der Redefreiheit erklärt. Diesen Entwürfen zufolge, welche das in dieser Hinsicht auch schon fragwürdige bisherige Transsexuellengesetz nochmals überbieten, hat der Bürger nach der auf dem Papier erfolgten standesamtlichen „Geschlechtsumwandlung“ biologische Fakten zu ignorieren und von einer „Frau“ zu sprechen. Andernfalls droht nach dem Vorschlag der Grünen (die FDP ist weniger konkret) eine Strafe in Höhe von bis zu 2.500 Euro.

Derweil also dem Helden Winston in Orwells Roman 1984 noch Folter für die Nichtanerkennung der von der Partei wider die Mathematik erklärten Summe von zwei und zwei drohte, belassen die Grünen es bei der Nichtanerkennung des an der Biologie vorbei amtlich erklärten Geschlechts immerhin bei einer Geldstrafe.

Von Parteien wie der FDP, die sich gern als liberal und bürgerlich bezeichnet, hätte man allerdings mehr erwartet. Unter anderem, dass sie weder Frauenrechte ausverkaufen noch die Bürgerinnen und Bürger dazu zwingen, sich als zur Lüge verpflichtete Projektionsflächen der schönenden Selbstbespiegelung einer Minderheit missbrauchen zu lassen. Selbst dem Spiegel im Märchen war Ehrlichkeit erlaubt.

Quelle:
Kulturkampf ums Geschlecht – Die Transgender-Ideologie ist totalitär und frauenfeindlich, Cicero am 30. Mai 2021 (Ein Gastbeitrag von Uwe Steinhoff)